ChatGPT und Kontext – so formst du den Klumpen
ChatGPT weiss bei jedem neuen Chat nichts über dich. Kein Gedächtnis, kein Hintergrund, keine Ahnung wer du bist. Ohne Kontext rät er und liefert den Durchschnitt von allem was die Menschheit je geschrieben hat.
Warum der Klumpen ohne dich nichts weiss
Ich sass vor einem leeren Chat und tippte: «Mach mal einen Flyer.»
Was kam, war technisch korrekt. Und völlig an den Haaren herbeigezogen. Proportionen falsch gedacht, Tonalität daneben, null Bezug zu dem was ich wollte. Ich hatte keine Version von Illustrator angegeben, keine Zielgruppe, keinen Stil. Es war ein neuer Chat, ohne Informationen über mein Projekt. Der Klumpen hat einfach gemacht – und geliefert was er für einen durchschnittlichen Flyer hält. Nicht meinen Flyer, sondern irgendwas.
Dasselbe bei Brainstorming-Fragen zu meinem eigenen Projekt Mr. Rize. Ich fragte nach Ideen, bekam Ideen, aber generische, seelenlose, ohne persönliche Note. Als hätte jemand «kreative Ideen für Worldbuilding» gegoogelt und die ersten drei Treffer zusammengeklebt.
Das Problem war nie ChatGPT. Das Problem war ich.
Jeder neue Chat fängt bei Null an
ChatGPT hat kein Gedächtnis zwischen Chats so wie Claude. Kein Hintergrund, keine Ahnung wer du bist, was du machst, wie du denkst. Er hat Zugriff auf alles Sprachliche der Menschheit – aber null Informationen über dich persönlich. Nur das, was du in seiner Persönlichkeit und in den Erinnerungen gespeichert hast.
Das bedeutet: Jedes Mal wenn du einen neuen Chat öffnest, sitzt du einem völlig leeren Klumpen gegenüber. Er wartet darauf geformt zu werden. Gibst du ihm nichts, formt er sich selbst. Nach dem Durchschnitt aller menschlichen Texte die er je gesehen hat und in seinen Trainingsdaten gespeichert hat.
Was Kontext ist – und was er bewirkt
Kontext bedeutet: du gibst dem Klumpen Informationen über dich bevor du mit der eigentlichen Aufgabe anfängst.
Nicht einfach «mal mal». Nicht auf eine kleine Zeile beschränkt, mit dem auch ein normaler Mitarbeiter oder Praktikant nichts anzufangen wüsste. Der Klumpen namens ChatGPT braucht Infos über dich: Wer du bist. Was du machst. Für wen du arbeitest. Was du brauchst. Was du nicht willst. Was du erwartest.
Ein Beispiel. Statt «Mach mal einen Flyer» sagst du:
«Ich bin Mediamatikerin, spezialisiert auf KI und Design. Ich erstelle einen Flyer für eine lokale Veranstaltung, Zielgruppe sind kreative Erwachsene zwischen 25 und 45. Ton: frisch, nicht corporate. Kein Fliesstext, keine Bullet-Points. Das Bild ist bereits vorhanden, ich brauche nur den Textentwurf für Titel und drei Kurzinfos.»
Das ist Kontext. Du hast dem Klumpen nicht erklärt wie er einen Flyer macht – du hast ihm erklärt wer du bist und was du brauchst. Der Unterschied im Output ist sofort spürbar.
Je mehr du dem Klumpen über dich gibst, desto weniger muss er raten. Und je weniger er rät, desto näher kommt er an das was du wirklich willst.
Der Geschichte-Trick und warum er funktioniert
Das hier klingt komisch. Aber es funktioniert.
Bevor du ChatGPT eine konkrete Aufgabe gibst, erzähl ihm eine kurze Geschichte. Kann was völlig Banales sein. Wie dich jemand im Zug genervt hat. Wie dein Morgen lief. Was deine Katze heute angestellt hat. Irgendwas das nach dir klingt.
Mein Partner und ich haben das aktiv getestet – mit leeren Chats, mit Kontext gefüllten Chats, auf seinem ChatGPT und auf meinem. Wir haben beobachtet was passiert wenn man vorher über etwas spricht und was passiert bei einem komplett leeren Chat. Das Ergebnis war konsistent: Der Output danach klingt anders. Persönlicher. Näher an meiner Stimme.
Die Erklärung: Du befüllst den Chat mit deinem Rhythmus, deiner Energie, deiner Art zu schreiben. ChatGPT spiegelt das zurück. Nicht weil er dich versteht – sondern weil er die Muster aufnimmt die du ihm gibst.
Noch ein getesteter Trick: Wenn ChatGPT anfängt sich zu verzetteln und den Faden verliert – nicht einfach nochmals fragen. Erst ein komplett anderes, beliebiges Thema einwerfen. Eine kurze Ablenkung. Dann zurück zur eigentlichen Aufgabe. Der Output danach ist auf beiden Seiten besser geworden. Warum genau – keine Ahnung. Aber es funktioniert reproduzierbar.
Speicher deine Chatlogs – wirklich!
ChatGPT-Chats gehen verloren. Das ist keine Theorie. Ich habe es mehrmals live erlebt – geschriebene Sachen zu Mr. Rize, Bildserien, Tutorialfragen, ein ganzes Arbeitsprojekt das ich über mehrere Sessions erarbeitet hatte. Weg. Entweder, weil der Chat abgestürzt ist oder OpenAI ein technisches Problem hatte. Den Stopp-Knopf bei einem dichten Chatlog zu verwenden, ist mit grossen Risiken verbunden. Dies konnte ich mehrfach selber erleben.
Seither speichere ich Logs konsequent. Alles markieren, in eine Textdatei kopieren und sicher archivieren. Wenn du einen neuen Chat startest, kannst du den gespeicherten Log gleich miteinfügen – der Klumpen hat damit den Stand des letzten Gesprächs sofort wieder.
In der Pro-Version von ChatGPT gibt es in den Einstellungen auch eine Exportfunktion für Chatlogs. Falls du die nutzt – aktivieren und regelmässig exportieren. Ich mache es simpel: CTRL+A/CTRL+C und dann «Editor» öffnen (Gratisprogramm auf Windows) und mit CTRL+V einfügen und speichern. Fertig.
Das ganze kann man dann weiter ziehen.
Vom Kontext zum persönlichen Betriebssystem
Mein Partner und ich haben das mit den Chatlogs konsequent weiterentwickelt. Wir nennen das «Layern». Aus langen Chatlogs haben wir – mit Hilfe von ChatGPT selbst – strukturierte Kontext-Dokumente destilliert. Kein einmaliger Schnellschuss, sondern ein System das aus echten Gesprächen gewachsen ist. Drei Ebenen haben sich dabei herauskristallisiert:
Ebene 1 – Die Persönlichkeitsanalyse
ChatGPT hat aus unseren Chatlogs ein detailliertes Profil erstellt: wie ich denke, wie ich lerne, was mich triggert, wo meine Stärken liegen, wie ich unter Stress reagiere. Nicht als therapeutisches Dokument – sondern als funktionales Regelwerk. Einmal erstellt, immer wieder nutzbar.
Ebene 2 – Das Overlayer-Dokument
Kommunikationsregeln, Spracharchitektur, Eskalationslogik. Was der Bot darf, was er nicht darf, wie er reagieren soll wenn ich wütend bin oder kreativ oder müde. Kein Floskelsprech, keine Beruhigungsfloskeln – das steht explizit drin. Es ist eine erweiterte Version der Persönlichkeitsanalyse.
Ebene 3 – Das Kontextprofil
Ein kompaktes Einstiegsdokument das ich an den Anfang jedes neuen Chats stelle. Mein aktuelles Projekt, meine Arbeitsweise, den aktuellen Stand, die wichtigsten Fakten, welche der Bot wissen muss. Textlogs, die ChatGPT in Sekunden auf den Stand bringt – ohne dass ich lange erklären muss. Das können auch die Copy&Paste Logs sein.
Das ist alles kein Hexenwerk. Es ist Arbeit die du einmal machst, am einfachsten an einem Computer. Diese kannst du auch direkt bei Projekten einfügen (welche du in ChatGPT links erstellen und mit Dokumente und Hinweise befüllen kannst) oder in einem neuen Chat selber. Jeder Chat der danach kommt startet nicht bei null. Er startet mit dir. Mit deinem Betriebssystem.
Und das Beste: Du musst das nicht selbst schreiben. Speichere deine Chatlogs und bitte ChatGPT, daraus ein strukturiertes Profil zu destillieren. Dann überarbeitest du es, ergänzt was fehlt, streichst was nicht stimmt. Effizienter als von Grund auf neu schreiben. Das kannst du auch mit deinen persönlichen Projekten machen. Speichere regelmässig die Chatlogs, um deinen Fortschritt nicht zu verlieren und ChatGPT auf den aktuellen Stand zu halten.
Rollenprompts
Kontext ist nicht dasselbe wie ein Rollenprompt. Ein Rollenprompt gibt ChatGPT eine feste, spezialisierte Rolle – einmal gebaut, für wiederkehrende Aufgaben immer wieder nutzbar. Kontext ist das was du im laufenden Chat gibst: wer du bist, was du brauchst, deine Stimme.
Beides zusammen ist unschlagbar. Mehr zu Rollenprompts im nächsten Artikel der Serie.
FAQ
Was ist Kontext genau?
Kontext bedeutet: du gibst dem Klumpen Informationen über dich bevor du mit der Aufgabe anfängst. Wer du bist, was du machst, für wen, welchen Ton, was nicht. Je mehr echte Infos, desto weniger rät ChatGPT – und desto besser wird der Output.
Reicht ein Satz Kontext?
Besser als nichts – aber zu wenig für komplexe Aufgaben. Je spezifischer du bist, desto gezielter arbeitet ChatGPT. Ein kurzer Absatz mit den wichtigsten Infos über dich und die Aufgabe ist ein guter Ausgangspunkt.
Was wenn der Chat zu lang wird und ChatGPT abdriftet?
Das ist ein eigenes Problem – ein zu voller Chat verliert den Faden. Dann hilft ein neuer Chat mit dem gespeicherten Log als Basis. Dazu kommt ein eigener Artikel in dieser Serie.
Was ist der Unterschied zwischen Kontext und einem Rollenprompt?
Kontext ist das was du im laufenden Chat gibst. Ein Rollenprompt ist eine feste Rolle die du einmal baust und immer wieder nutzt. Beides ergänzt sich, ersetzt sich aber nicht gegenseitig.
Muss ich das Kontext-Dokument selbst schreiben?
Nein. Speichere deine Chatlogs und bitte ChatGPT selbst, daraus ein strukturiertes Profil zu destillieren. Dann überarbeitest du es. Das ist effizienter als von Grund auf neu schreiben.
Den Klumpen ChatGPT formen
Weitere lehrreiche Beiträge über ChatGPT (oder auch Claude) und den psychologischen Tricks sowie dem erfolgreichen Prompten findet ihr in dieser «KI-Schule»-Serie. Erfahrt mehr über den Klumpen, der euren Alltag erleichtern kann!
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Warum ChatGPT vergisst, sich verzettelt und wiederholt und wie Chain of Thought das löst. Aus eigener Erfahrung.
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Mit ChatGPT besser prompten
Mein Partner und ich reden oft über ChatGPT. Über Trainingsdaten, über Bias, über psychologische Eigenheiten des Modells. Was dabei herauskommt sind keine Theorien aus dem Lehrbuch – sondern Beobachtungen aus dem echten Alltag, über Wochen und Monate hinweg getestet und verglichen.



