Digitales Zeichnen Mr. Rize 5 Min. Lesezeit · 2026

Wie aus einem Reissack
eine ganze Welt wird

Mein Workflow zwischen Weltbibel, visueller Geschichte und Storyboard mit Mr. Rize, Tarax und einer ziemlich zuverlässigen Schwerkraft.

01

Weltbibel

Figuren, Orte und Regeln

02

Kapitel

Die Idee bekommt einen Bogen

03

Sequenzen

Handlung in klare Abschnitte teilen

04

Storyboard

Rhythmus und Bilder prüfen

Am Anfang war da einfach ein Reissack. Er sollte umfallen und reissen. Geboren aus einem Sprichwort und Animationsübungen. Dann kam ein Löwenzahn dazu, der plötzlich eine Persönlichkeit brauchte. Danach ein Planet, drei Reissackarten, eine Maus und die Frage, wie ein Wesen ohne Gesicht eigentlich «spricht». Dann wurde wieder alles verworfen und neu angeordnet. Kurz gesagt: Aus einer kleinen Animation wurde ein Langzeitprojekt. Und irgendwo musste dieses ganze Zeug hin, bevor es sich in meinem Kopf gegenseitig auf die Pfoten tritt.

01 · Erst die Regeln, dann das Chaos

Meine Weltbibel ist kein Lexikon

Ich nutze Notion als zentrale Weltbibel. Dort sammle ich Figuren, Orte, Regeln, Story-Ideen, offene Fragen und auch die Sequenzen von meinem Storyboard, ein visuelles Drehbuch. Nicht, weil jede Kleinigkeit schon endgültig entschieden sein muss. Im Gegenteil werfe ich noch Häufig ganze Ideen über Board. Die Weltbibel soll mir zeigen, was feststeht, was noch wackelt und wo sich zwei Ideen widersprechen.

Bei Mr. Rize sind zum Beispiel ein paar Grundregeln gesetzt: Er ist ein ungefähr 60 cm grosser, sentienter Reissack und ist neugierig. Er hat kein Gesicht und keine gesprochene Sprache. Emotionen zeigt er über Haltung, Gewichtsverlagerung, Rascheln und ein kleines Vokabular aus textbasierten Emoticons. Eventuell kommen noch Laute hinzu. Seine Cartoon-Physik darf übertreiben, aber die Gravitation gewinnt am Ende trotzdem. Immer.

Figur

Was kann sie?

Squash & Stretch, improvisieren, neugierig losstolpern.

Grenze

Was kann sie nicht?

Sprechen, normal greifen oder die Physik elegant überlisten.

Weltregel

Was bleibt konsistent?

Er fällt, reisst, sammelt sich und macht trotzdem weiter.

Offene Frage

Was ist noch beweglich?

Wann erkennt er Tarax wirklich als sentientes Gegenüber?

Solche Regeln sind für mich hilfreicher als zehn Seiten Hintergrundgeschichte. Wenn ich eine neue Szene plane, kann ich prüfen: Verhält sich Mr. Rize noch wie Mr. Rize? Funktioniert der Witz auch ohne Gesicht? Und ist Tarax gerade ein echter Gegenspieler oder nur dekoratives Unkraut mit Grössenwahn?

02 · Eine Idee bekommt Wurzeln

Vom kleinen Gag zum ganzen Kapitel

Die erste Begegnung zwischen Mr. Rize und Tarax begann sehr klein: Mr. Rize liegt in einer Wiese und beobachtet, wie ein Löwenzahn friedlich im Wind wippt. Natürlich will er das nachmachen. Natürlich verlagern sich dabei seine Reiskörner. Und natürlich fällt er ausgerechnet auf Tarax.

Für Mr. Rize ist das ein weiterer belangloser Unfall. Für Tarax ist es eine Demütigung, die eine alte Verletzung trifft. Genau dort wurde aus einem einzelnen Gag ein Kapitelbogen. In meiner Planung besteht Kapitel 1 deshalb aus vier getrennten Sequenzen: Begegnung auf der Wiese, Retraumatisierung, Skateboard-Rache und ein möglicher Maus-Epilog.

01
Wiese
02
Erinnerung
03
Skateboard
04
Maus

Das Kapitel habe ich zurzeit in 4 Sequenzen aufgeteilt, wobei nach Sequenz 2 nochmals der Rest von Sequenz 1 kommt – seht ihr, durcheinander!  Daher versuch ich mich zumindest annäherend mit diesem Konzept hier zu halten.

03 · Schreiben, obwohl niemand spricht

Das visuelle Drehbuch denkt in Bewegung

Weil Mr. Rize nicht spricht, kann ich die Handlung nicht mit Dialog retten. Das visuelle Drehbuch muss bereits beschreiben, was man später wirklich sehen kann: Haltung, Richtung, Tempo, Abstand und Reaktion. Bei der Wiesenszene sieht mein grober Bewegungsbogen deshalb so aus. So zumindest die Theorie. Ob ich mich bis am Ende daran halten kann und nicht vielleicht doch etwas abdrifte, wird sich zeigen. Auch für mich ist das Ganze in diesem Rahmen neu. Da ich alles alleine mache, werden Fehler passieren. Aber aus allem kann man lernen und wachsen. 

Mein ganz eigenes Chaosprojekt

01

Ruhe

Die Wiese und ihre sanfte Bewegung etablieren.

02

Neugier

Mr. Rize beobachtet Tarax und beginnt ihn nachzuahmen.

03

Schwerpunkt

Die Reiskörner rutschen. Wir sehen den Sturz früher als er.

04

Gravitation

Ein kurzer Hold – dann kippt die Situation endgültig.

05

Aufprall

Mr. Rize landet auf Tarax. Kleiner Plumps, grosse Wirkung.

06

Nachhall

Mr. Rize geht weiter. Tarax bleibt mit einer Vendetta zurück.

Ich werde sicher einige Zeichnungen zeichnen, die ich so nicht ins Panel übernehmen kann. Einfach, weil ich den ganzen Prozess erst noch kennenlernen muss. Aber mit diesem Aufbau ist die halbe Miete bereits erledigt. Es kann nur noch chaotischer werden und hier bedeutet Chaos gleich Lebendigkeit! Nun, zumindes, wenn es nicht komplett ausartet. Aber eben durch das Chaos ist diese Geschichte überhaupt entstanden. Einfach, weil ich ohne grosse Hintergedanken drauflos gezeichnet habe. Und sich das jetzt immer mehr zu einem Grossen und Ganzen entpuppt.

04 · Unfertig ist ein Arbeitsstand

Ich lasse offene Fragen sichtbar

In meiner Weltbibel gibt es ganz bewusst pink markierte Fragen. Erkennt Mr. Rize Tarax schon bei der ersten Begegnung als sentient? Erscheint die Maus am Ende von Kapitel 1 nur als Pfote im letzten Panel oder bekommt sie bereits ihre kleine Pointe? Wie schnell funktioniert die sentienzgebundene Selbstheilung?

Früher hätte ich solche Lücken als Problem betrachtet. Tu ich heut auch noch teilweise. Aber: Ich weiss, wo ich noch entscheiden muss und wo nicht, ohne den Rest der Geschichte jedes Mal wieder auseinanderzunehmen. Es sei denn, ich habe wieder eine neue «das ist DIE Idee!-Phase». Eine Weltbibel soll die Fantasie nicht einsperren. Sondern einen Rahmen geben, auf dem man aufbauen kann. 

«Ein Film wird dreimal gedreht: auf dem Papier, beim Dreh und im Schnitt. Das Storyboard ist dabei das Herzstück des ersten Schnitts.»

– Allgemeine Filmemacher-Weisheit

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